Handeln statt klatschen

Klatschen als Anerkennung für Pflegekräfte – kann man machen. Aber ein Dankeschön deckt nicht den Lebensunterhalt der Pflegedienst-Mitarbeitenden. Olga Schell, Geschäftsführerin der Sozialstation Wolfenbüttel, sieht die Politik in der Pflicht, endlich zu handeln und für Lohngerechtigkeit in der Pflegebranche zu sorgen.

Seit 60 Jahren gibt es die Sozialstation Wolfenbüttel – Hauspflegeverein e. V. Als gemeinnütziger Verein fließt jeder erwirtschaftete Gewinn ins Unternehmen. Dennoch: Auch der Hauspflegeverein ist an die wirtschaftlichen Gegebenheiten der Pflegebranche gebunden. Geschäftsführerin Olga Schell wünscht sich für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bessere Arbeitsbedingungen.

Vor zwei Jahren demonstrierten Pflegedienste der Harz-Heide-Region, unter anderem auch der Hauspflegeverein Wolfenbüttel, in Hannover für eine gerechtere Finanzierung der Ambulanten Pflege (auf dem Foto von links: Olga Schell, Viola Schulter und Doreén Horst). Infos bei Facebook: Handeln statt Klatschen.

Frau Schell, Sie machen sich für das Aktionsbündnis „Handeln statt klatschen“ stark. Worum geht es dabei und wer steht dahinter?

Schon seit einigen Jahren stehen in der Harz-Heide-Region die Geschäftsführer und Inhaber von Ambulanten Pflegediensten miteinander in Kontakt und organisieren Aktionen, die auf ungerechte und unpassende Verhältnisse in der ambulanten Pflege aufmerksam machen. Wir haben beispielsweise 2019 eine große Demonstration vor dem Hauptsitz der VDEK, dem Krankenkassenverband, mit mehreren hundert Teilnehmenden und eine Petition mit 30.000 Unterschriften organisiert. Mittlerweile haben sich auch Pflegedienste aus ganz Niedersachsen angeschlossen und wir erhalten Unterstützung von der Allianz für die Region. Die Kassen fahren einen Sparkurs, der Pflegedienste mit ambulanten Dienstleistungen immer weiter unter Druck setzt: Wir wollen unsere Mitarbeiterinnen fair bezahlen, in anderen Pflegebereichen sind die Löhne höher! Aber wir können es nicht. Darauf zielt auch „Handeln statt klatschen“ ab: Die Leistung der ambulanten Pflege muss anerkannt und refinanziert werden. Leider hemmte uns die Corona-Pandemie. Das Tagesgeschäft ging vor.

Sie sagen, andere Pflegebereiche erhalten höhere Löhne…

Ja, die stationäre Pflege kann deutlich mehr zahlen! Teilweise beträgt der Unterschied mehrere hundert Euro pro Monat. Zum Teil lässt sich das sicher mit der Arbeitsbelastung begründen, aber der Unterschied ist so gravierend, dass sich sehr viele Pflegekräfte aus privaten wirtschaftlichen Gründen für eine Anstellung in einem Pflegeheim oder im Krankenhaus entscheiden. Durch die generalisierte Pflegeausbildung, bei der sich die Auszubildenden erst im dritten Lehrjahr für eine der Fachrichtungen Kranken-, Kinder- oder Altenpflege entscheiden, wird sich die Situation weiter verschärfen. Und auch daher wollen wir eine faire Refinanzierung seitens der Kostenträger.

Warum erhöhen die Pflegedienste nicht einfach ihre Preise?

So einfach ist es leider nicht. Wir bekommen Pauschalen pro Dienstleistung diktiert, mit denen wir wirtschaften müssen. D. h. unsere Kosten sollten eigentlich dadurch gedeckt sein. Leider ist das nicht der Fall. Auch höhere Löhne würde ich gerne Zahlen, dann wären wir allerdings sehr schnell in wirtschaftlich prekärer Lage. Denn die zuständigen Pflege- und Krankenkassen als Kostenträger sind bisher nicht bereit, diese Mehrkosten auch zu refinanzieren. Die ambulante Pflege hat das Problem, dass es ursprünglich Hausfrauen waren, die darin tätig waren: In der eigenen Familie oder als kleines Zubrot zum Gehalt des Mannes.
Die Zeiten haben sich aber geändert! Unsere zum Teil hochprofessionalisierten Mitarbeiterinnen arbeiten nicht nur, weil sie ihren Job mögen – sie müssen damit auch ihren Lebensunterhalt bestreiten. Teilweise als Alleinverdienerin. Leider spielt das in den Verhandlungen mit den Kassen keine Rolle.

Warum schreitet die Politik nicht ein?

ist eigentlich dafür, die ambulante Pflege im gewohnten Umfeld so lange zu ermöglichen, wie es machbar und sinnvoll ist. Unsere Patienten wollen natürlich auch genau das: möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden bleiben und versorgt werden. Aktuell sieht es aber so aus, dass es jetzt schon nicht mehr möglich ist, die ambulanten Bedürfnisse vollständig zu decken. Das Problem wird u. a. bei der hauswirtschaftlichen Versorgung, welche grundsätzlich zum Leistungskatalog ambulanter Pflegedienste gehört, sichtbar. Diese Leistung ist unterfinanziert, weshalb immer mehr Pflegedienste die Hauswirtschaft gar nicht mehr anbieten. Das wiederum führt dazu, dass hilfe- und pflegebedürftige Menschen viel zu früh in die stationäre Pflege umziehen müssen. Ebenso kann an vielen Stellen die Krankenhausnachsorge durch die ambulante Pflege schon jetzt nicht mehr ausreichend gewährleistet werden. Darüber hinaus belasten die Leistungen der Ambulanten Pflege die Kostenträger (Kranken- und Pflegekassen) im Vergleich zu den Kosten stationärer Einrichtungen deutlich geringer.
Leider läuft die Entwicklung trotzdem in die entgegengesetzte Richtung: Für die Unterbringung in der stationären Pflege gibt es Zuschüsse, währenddessen können die Angehörigen weiter arbeiten. Wer hingegen seine Arbeitszeit reduziert, um pflegebedürftige Angehörige mit Unterstützung eines Dienstleisters zu versorgen, hat am Ende weniger eigenes Gehalt und die Rente reduziert sich ebenfalls. In einer geplanten Änderung des Landespflegegesetzes soll die Entlohnung auf dem Niveau von Tariflöhnen festgelegt werden – das begrüßt unser Aktionsbündnis! Leider sind die Kassen dadurch bisher nicht gezwungen, ihr Vergütungssystem anzupassen. In der Folge werden Pflegedienste wahrscheinlich den Zugang zu Programmen wie der Investitionskostenförderung des Landes – die dann an Tariflöhne gekoppelt ist – verlieren.

Haben die angestoßenen Aktionen etwas gebracht?

Zum Teil, ja. Wir erleben zum Beispiel einen tollen Rückhalt von vielen unserer Patientinnen und Patienten und ihren Angehörigen. Sie wissen, dass die Situation nicht einfach ist und schätzen es sehr, dass wir da sind. Unsere Pflegekräfte bemühen sich sehr darum, in der Zeit, in der sie vor Ort sind, ganz und gar für die Bedarfe der Patienten da zu sein – und das trotz der verordneten „Pflege im Minutentakt“. Durch die Demonstration und Unterschriftenaktionen vor zwei Jahren haben wir erreicht, dass die Belange der ambulanten Pflege – zumindest auf Landesebene – eher wahrgenommen werden. Was fehlt, ist die Bereitschaft zu einer Pflegereform auf Bundesebene, die unsere Position unterstützt und letztendlich den Patienten, den Pflegekräften und den Pflegediensten gleichermaßen nützt. Dafür möchte ich mich als Geschäftsführerin auch weiterhin stark machen.